• Momo

Meine Angst mich zu zeigen - der Gastbeitrag einer Frau, die hier noch anonym bleiben möchte


Oft braucht es Hürden im Leben, um andere Wege auszuprobieren, um daraus zu lernen und weitergehen zu können. Und manchmal fühlt es sich an, als seien sie unüberwindbar. So wie in diesem Moment..

Einen Moment, der viele meiner Ängste und Zweifel, meine Verunsicherung und Ohnmacht, meine Scham, meinen Schmerz und meine Traurigkeit vergangener Tage zum Vorschein bringt.. Einen Moment, der mein Herz verkrampfen lässt und jeden meiner Schritte auf diesem Weg bleiern und unendlich mühsam anfühlen lässt. Bei dem Gedanken daran, gesehen zu werden. Sichtbar zu sein.


So vieles in mir, was mich mit dem Blick daran festhält, wegschauen lässt und nach Rückzug drängt. In den sicheren Hafen der Stille. Dort, wo das Echo meiner Stimme leise in mir verhallt und das Pochen meines Herzens im Verborgenen sanft seine Melodie klingen lässt. Einem Raum, der sich zwar beengt und zunehmend unpassend anfühlt, doch zugleich in seinem Mantel der Unsichtbarkeit so viel Schutz verspricht.


Manchmal ist es eben so viel leichter, mich im eigenen Schatten zu verstecken, als mich dem Neuenzu öffnen, der Welt entgegenzulaufen und von ihr in all` Ihren Spiegelungen begrüßt zu werden. Dann erscheint es schwer, die wohlbekannten Stimmen im Kopf ruhen zu lassen, so zerstörerisch sie auch sein mögen. Und ich habe Mühe, dieser unbekannten Spur zu folgen, egal wieviel Größe sie verspricht.


So wie dieser Spur, die mich an diesen Ort führte..


Vor ein paar Tagen bekam ich die Aufgabe, mich hier zu zeigen.


Namenlos. Gesichtslos. Für einen kurzen Moment. Vor einer überschaubaren Zahl an Lesern. Im Grunde nicht sichtbar. Ein seichter Anstrich im Farbglanz des Lebens. Und zugleich fühlt es sich an, als sollte ich einen Fels besteigen, dessen Spitze mit der unendlichen Weite des Himmels zu verschmelzen scheint. An deren Wand sich das Echo all ́ der Stimmen aus der Vergangenheit lauter und lauter bricht und mir entgegen ruft, was ich immer zu wissen glaubte. Damit ich es nicht vergesse..


Ich wünschte, ich könnte ihn hinauszögern, ihn umgehen oder überspringen – diesen einen Moment. Könnte all ́ meinen Ängsten davonlaufen, die mich mit all` ihrer Begierde fest umklammern.


Meine Angst, verletzt zu werden. Zuviel Raum einzunehmen. Zuviel zu sein. Mich wichtig zu nehmen, zu wichtig zu nehmen. Meine Angst, nicht richtig zu sein. Nichts Wertvolles beitragen zu können. Mich am Ende in all ́ den neuen Erfahrungen zu verlieren und nicht zu wissen, wer ich bin. Verloren in der Weite des Lebens..


Manchmal kann es schmerzhaft sein, einen Lichtstrahl zu (er)tragen, wenn der Blick aus dem sicherenAbstand des dunklen Verstecks viel zu oft aus der früheren Erfahrung und in der Gewohnheit gelebt worden ist.


Doch manchmal ist es besser, aus dem Schatten zu treten, auszuhalten und zu vertrauen, als sich dieFüße in den alten Pfaden wundzulaufen. Auch wenn es noch so schwerfällt..


Wenn ich schreibe, ist es, als spiele mein Herz seine Melodie der Freiheit, als könne meine Seele entspannt aufatmen. Ohne Druck, grenzenlos. Wenn ich sie im Außen frei schwingen lasse, mich mit meinen Worten zeige, fühlt es sich an, als sehe ich es ungeschützt vor mir liegen. Mein Herz. Sichtbar. Der Blick in meine Seele unverklärt. Das Schreiben als mein Nabel zur Welt. Was gäbe ich dafür, diese Pforte auch mehr und mehr im Alltag ohne die schützende Hülle des Papiers durchschreiten zu können?

Meiner allzu oft spürbaren Sprachlosigkeit im direkten Kontakt für mehr kurzen Momenten eine Stimme zu verleihen. Und zugleich macht es verletzbar, sie in einem offenen Raum, wie hier, so sichtbar zu sehen. Dann sind meine Ängste in aller Deutlichkeit spürbar.


All` meine Ängste und mit ihnen die Tiefe des Abgrunds dieses Moments und zugleich auch die Weite der Umgebung lassen mich zögern. Atemlos. Verkrampft um Halt und Orientierung ringend. Hilflos festgeklammert versuche ich Stein um Stein des rutschigen Gerölls zu erklimmen. Doch alles scheint sich in der Bewegungslosigkeit zu verlieren. Meter um Meter türmt sich die Wand vor mir auf. Eine bedrückende Stille, in der mein laut pochendes Herz einen wohligen Klang verströmt. Es gibt mir die Gewissheit, dass es weitergeht. Und ein Teil meiner Verzweiflung, meiner Ungeduld und Sorge dürfen verstummen.


Der Absprung verspricht Schmerzen. So wie jede Neugeburt ins Leben. Und mit jedem neuen Schritt, wie in diesem Moment, die Unwissenheit darüber, wie es sich anfühlt. Zu fallen. Im Becken der Angstzu schwimmen, in dem Versuch, mich freizuschwimmen. Ins Ungewisse, ins Neue.


Das, was so verzaubert und unbändige Sehnsucht in mir weckt. Das, was ich mehr und mehr in meinem Leben erleben darf. Was mein Herz beben und glitzerne Tränen des Himmels meine Wangen hinabrinnen lässt. Vor aufgeregter Freude und Erwartung, mich hineinsinken lassen zu können. In die starken Arme des Vertrauens.. Und zugleich das, was so viele Ängste in mir auslöst. Weil viele der Seiten des Alten in unangenehmen Farben beschrieben und noch so viele neue Kapitel unbeschrieben sind. Und ebenso mehr und mehr Seiten im Jetzt, mit der Zeit einen wohligen Anstrich bekommen. Den Anstrich des Neuen. Den Duft der Nähe, der Geborgenheit, des Vertrauten. Den Klang der Heimat. Am Ende sind es oft die Hürden im Leben, die dabei helfen können, neue Perspektiven zu sehen.Damit sich die Weite erstrecken kann, sie spürbar und fühlbar wird. So wie in Momenten, wie diesem. Die so unendlich schwerfallen und zugleich so vieles versprechen. Ich werde nicht aufhören, dafür zu gehen. Solange mein Herz schlägt. Und ich bin so unendlich dankbar für all` die Menschen in meinem Leben, die mir zeigen, was es bedeutet zu leben.

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