• Momo

PolyHoly,MonoPlus, und offene Beziehung - Freiheit und Falle unserer Zeit

Aktualisiert: 22. Okt 2020





„Sind wir jetzt ein Paar? Sind wir jetzt fest zusammen? Was sind wir überhaupt füreinander und in welcher Beziehungsform wollen wir jetzt leben?“ Das sind Fragen, die sich unsere Eltern wahrscheinlich noch nicht stellen durften oder mussten. Noch in meiner Jugend war klar – spätestens nach dem ersten Kuss waren wir „zusammen“. Nur wir Beide. Am besten für Immer. Monogamie war keine Frage, sondern Gesetz. Und mit dem Gesetz kamen die Regeln. Regeln die andere für uns gesetzt haben. Die Gesellschaft, die Kirche, die Kultur in der wir leben. Viele, viele Jahre lang habe ich diese Regeln nicht hinterfragt. Niemals angezweifelt. Und gleichzeitig beobachtet, dass diese Regeln nicht funktionieren. Scheidungen, Trennungen, Lügen, Fremdgehen, Verletzungen, unglückliche Beziehungen, absterbende Sexualität, Gewalt in jeder nur erdenklichen Form. Frust und verbitterte Gesichter. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht EIN Paar kennengelernt, die über viele Jahre frei, glücklich, erfüllt und verliebt miteinander gelebt und geliebt haben. Und was habe ich mich bemüht. Mich verbogen, gehofft, geweint und gekämpft. Und oft so oft gescheitert.

Ich bin mir sicher, dass es vielen von euch auch so ergangen ist.

Die Regeln, denen ich mich ungefragt unterworfen habe sollten eins geben – Sicherheit. Doch die einzige Sicherheit, die sie mir gaben war, dass ich mich unangenehmen Fragen nicht stellen musste

Was ist eigentlich Treue? Was passiert, wenn mein Partner oder ich Lust auf andere bekommen? Wo sind unsere Grenzen im Umgang mit Anderen? Was will ich eigentlich wirklich? Wann fühle ich mich geliebt und wann fühle ich mich frei? Ist es wirklich das Leben was ich führen will? Was fehlt mir? All dem und noch vielem mehr musste ich mich in meinen Partnerschaften nie wirklich stellen. Aber nur weil ich mich diesen Fragen nicht bewusst gestellt habe, heißt das noch lange nicht, dass ich spürte, dass es diese Fragen gab. Ich hatte ehrlich gesagt nur schreckliche Angst vor den Antworten, die mich da von mir selbst und von meinem Partner erwarteten. Und das gab mir kein Gefühl der Sicherheit – im Gegenteil. Diese starren und nicht besprochenen Regeln machten mir Angst. Weil ein Teil tief in mir spürte, dass wir die wirklich wichtigen Dinge in unserer Beziehung aussparten. Es war ein Gefühl, als hätte ich meinen Fallschirm nicht kontrolliert, nur weil ich Angst davor gehabt habe, etwas Fehlerhaftes zu entdecken. Aus heutiger Sicht sehe ich natürlich wie absurd das war. Aber leider ist dieser Mechanismus heute in so vielen Partnerschaften zu sehen. Fast jedes Paar, was wir als Paartherapeuten begleiten dürfen sind mit diesem Thema konfrontiert. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Und was nicht sein kann hinterfrage ich erst gar nicht. Und was ich nicht hinterfrage türmt sich wie ein großes Schreckgespenst in meiner Seele auf und bahnt sich so oder so einen Weg.

Wie viel Leid und wieviel Schmerzen das in der eigenen Seele und in der Seele meines Gegenübers hervorgerufen hat, habe ich sehr oft am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Ich habe im Laufe unserer Arbeit so viele Männer gesehen: gute Männer, mit ehrenvollen Werten. Die sich ihrer Frau und Familie gerne liebevoll verpflichtet haben, aber jeden Wunsch und Gedanken an andere Frauen und Abenteuer in sich abgeschnitten haben. Und dann doch irgendwann, weil der unterdrückte Wunsch zu groß war ihre Familie zurückgelassen , belogen und gekränkt haben. Frauen, die großartige Mütter und Ehefrauen waren und den Teil der Abenteurerin und wilden Frau abgeschnitten haben, nur um der Familie zu dienen. Die verbittert, hart und unangenehm wurden, weil sie sich nicht trauten ihre Bedürfnisse und Wünsche zuzugeben. Und dabei spreche ich nicht nur von der sexuellen Freiheit und Sehnsüchten, die wir in uns tragen. Ich spreche von der Freiheit uns allen Bedürfnissen und Wünschen bewusst zu sein und diese auszusprechen. Meine Ängste, meine Wut, meine Bedürftigkeit, den Wunsch nach Extase und Freiheit zu benennen und damit umgehen zu lernen.

Die Frage: Was sind wir eigentlich füreinander hat sich auch in meiner jetzigen Partnerschaft mit Siddhi irgendwann gestellt. Und alleine diese Frage, hat uns vor eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit vielen weiteren Fragen gestellt. Wir spürten die so unendlich tiefe Verbundenheit, die Sehnsucht nach Bewusstsein, Freundschaft, sexuelle Anziehung, wahres Erkennen, Liebe und das Bedürfnis zusammen zu sein. Andererseits wollten wir in kein Konzept eintreten, keine starren Regeln von „ab jetzt nur du für immer und ewig“, kein Kapitulieren, kein Gefängnis. Und uns wurde bewusst wie viele unbenannte und unangefochtene Assoziationen an einen Satz wie: Wir sind jetzt ein Paar! gebunden sind. Und uns wurde auf einen Schlag bewusst: Liebe passt in kein Konzept. Wie sollte es auch anders sein. Wir lieben uns. Punkt. Und die Basis unserer Liebe ist nicht nur die romantische Liebe, sondern ein gemeinsames Bewusstsein, eine gemeinsame Aufgabe, ein gemeinsamer Weg – unsere gemeinsame Mission. Und deswegen sind wir Gefährten. Gefährten die sich lieben.

Und auf einmal war sie da, die Liebe und die Freiheit. Der Wunsch danach uns Beide glücklich zu sehen. Der Wunsch, den Anderen wirklich zu erkennen und ihn nicht zu etwas machen zu wollen, was uns anscheinend vollständig macht. Den unbändigen Wunsch danach zu entwickeln die Seele des Anderen zu verstehen und ihn mit ALLEM zu erfassen. Auch mit den Dingen, die mir vielleicht Angst machen oder mich verunsichern. Und auch mich mit allem zeigen zu dürfen. Mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen. Wie hilflos und unbeholfen wir versuchen mit verschiedenen Beziehungsmodellen etwas einordnen und kontrollieren zu wollen, was nicht zu kontrollieren ist. Die Liebe und die Freiheit. Ich möchte mich in keins dieser Konzepte einreihen. Liebe ist das was sie ist. Frei. Und auf einmal kam die Sicherheit. Mit dieser Freiheit. Ich bin mir sicher, dass alles was mein Partner mir schenkt aus einer unbändigen Freiheit entsteht. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich wirklich gemeint bin. Weil er es so entschieden hat. Und weil ich es so entschieden habe. Ich bin mir sicher, dass mein Gefährte mir ALLES erzählen wird. Auch die unangenehmen Dinge. Und das ich mit allem sein darf. Wie könnte ich meinen Partner einengen oder ihm Dinge verwehren, die ihn glücklich machen? Die einzige Frage, die ich mir stellen muss ist: Was macht mich glücklich? Was brauche ich? Kann ich mit diesem oder jenem Bedürfnis mitgehen oder nicht? Der Wunsch den anderen verändern zu wollen fällt auf einmal völlig weg. Und auch der Druck jemand anderes sein zu müssen für ihn. Das ist Freiheit für mich. Und Freiheit bedeutet eben auch mich immer wieder neu zu entdecken. Die ersten zwei Jahre unserer Beziehung habe ich es genossen Sexualität nur mit ihm zu leben. Jetzt freue ich mich auf unsere ersten Begegnungen mit anderen Menschen. Macht mir das Angst? Und wie! Und ich bin mir sicher, dass es an meiner Liebe nichts ändern wird. Und an meiner Entscheidung mit diesem Mann dieses und gerne auch die nächsten Leben zu verbringen. Ich habe gelernt was ich brauche. Commitment, Zuverlässigkeit, Liebe, Nähe, Wertschätzung, Kommunikation, Tiefe, Extase, Abenteuer, Verspieltheit, Leidenschaft, Vertrauen – ein liebevolles zu Hause. Ich möchte ALLES sein dürfen. Ganz ich. Und ich möchte das mein Gefährte sich auch so fühlt. Ich möchte treu sein und frei. Und mich für IHN entscheiden und dafür keinen Teil in mir verraten müssen. Ich möchte vertrauen können und mich meinen Ängsten stellen. Und noch so viel mehr.

Liebe ist Liebe. Und Liebe genügt der Liebe.

Was uns für Herausforderungen auf diesem Weg begegnet sind und wie wir die neue Lügen aufdecken können – das erwartet euch in meinem nächsten Blog.

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